Rasiermesserschalen – Schritt für Schritt

Hallo Interessierte.
Ihr habt hierher gefunden, weil ihr entweder danach gesucht habt, oder zufällig hierher gesurft seid.

Ich habe am 03. Februar 2012 von meiner Coiffeuse ein Rasiermesser geschenkt bekommen. Ein seltenes und schönes Exemplar.

A. Grissolange, Fredor, 11/16″ Klingenbreite, Erl oben serriert, französischer Kopf, Klingeätzung ersichtlich „RASOIR – FREDOR – EXTRA“, Schalen aus Acetat Hornimitat.

Zur Geschichte konnte ich lediglich herausfinden, dass Alfred Grissolange in Thiers, der französischen Messerstadt, am 23. April 1946 sein Geschäft beim Tribunal de Commerce unter der Nr. 9419 eintragen liess. Als Markenzeichen steht dort: une couronne comtale au-dessous de FREDOR. Adresse: Thiers, 18 rue de Barante.

So sah das Messer bei Erhalt aus, als wenn man damit Äpfel geschält hätte. Mir gefällt der kleine Sporn an der Daumenmulde. Es wurde erst einmal in Seifenlauge eingelegt und gereinigt.

 

 

 

 

Als das Messer sauber war, konnte ich feststellen, dass die Klinge einige Pittings aufwies und der Kopf überdies am Keil streifte. Das darf nicht sein, der Gedanke nach neuen Griffschalen keimte in mir auf, nur wie??

 

Wenn mein alter Werklehrer von diesem Vorhaben erführe, würde er wahrscheinlich etwas sagen wie: „Ach lass, mit Holz konntest du noch nie“ oder Ähnliches. In Tat und Wahrheit ist es so, dass meine Werkstücke immer aussahen, wie wenn ich sie auf dem Nachhauseweg aus dem Müll genommen hätte. Nunja, mittlerweile sind über 30 Jahre vergangen und ich habe 3 Berufe erlernt, zwei davon sind Handwerke. So schwierig kann das nun auch wieder nicht sein – also frisch voran.

Hier ist das Messer auf eine Masstabelle gelegt, um die genaue Klingenbreite zu ermitteln.

Ins richtige Licht gerückt, sieht das Messer schon sehr gut aus.

 

Das Messer brachte ich einem befreundeten Rasiermesserschärfer. Der konnte der Klinge Leben einhauchen und versicherte mir, dass die Klinge pfleglich behandelt wurde und man sich damit sehr gut wird rasieren können. Das machte mir den Entscheid leichter. Ich musste dem Messer neue Griffschalen spendieren. Ich entschied mich für Eibe. Ein Holz, das zwar auf Grund der Giftstoffe, die es enthält, nicht ganz einfach zu bearbeiten sein würde, aber eine schöne und dezente Maserung aufweisen wird. Ich hatte also ein gut erhaltenes, schönes Rasiermesser, das darüber hinaus noch selten ist, im Besitz. Ein Stück Rasur- und Handwerksgeschichte, die es zu erhalten gilt.

Schritt 1: Es wurden die Nietköpfe mit der Schlüsselfeile abgefeilt.

Schritt 2: Die Niete wurden mit dem Körner ausgeschlagen. Einen Durchschlagsdorn wollte ich nicht auch noch kaufen.

Schritt 3: Die Niete wurden mit der Kombizange ausgezogen und die Schalen auseinandergenommen. Der Klingenniet, hier gut zu sehen, ist krumm. Das führte zum Streifen des Klingenkopfs am Keil. Es stellte sich heraus, dass der Keil aus irgend einem Kunststoffmaterial gemacht war. Bei allen Arbeiten muss man höllisch aufpassen, dass man den Grat der sehr scharfen Klinge nicht berührt und verletzt. Daher wurde die Schneide der Klinge mit Tesafilm abgeklebt. Das schützt die Finger und die Schneide.

Schritt 4: Die Klinge wurde mit Bleistift umrissen, auf ein Blatt Papier gezeichnet und von der Zeichnung wurden Kopien angefertigt. Dann folgte der erste Entwurf der neuen Schalen.

Schritt 4: Der erste Entwurf war mir zu poplig und altbacken. Somit wurde ein neuer Entwurf gemacht.

Schritt 5: Der neue Entwurf wurde für gut befunden und aufs Holz übertragen.

Schritt 6: Die Schalen wurden mit der Laubsäge ausgesägt und liegen bereit für die Formgebung mit Schleifpapier verschiedener Körnung.

Schritt 7: Die Schalen werden zum Zweck der Formgebung zusammengeleimt, damit beide genau gleich werden. Zwischen die Schalen wird ein Stück Papier mit drei-vier Punkten Holzleim geklebt, auf diese Art können die beiden Hälften nach der Bearbeitung unter Zuhilfenahme einer Rasierklinge leicht wieder voneinander getrennt werden. Wenn wir schon gerade dabei sind, werden auch noch die beiden Bohrungen für die Niete gemacht. Die Schalen sind zu diesem Moment noch 4mm dick.

Schritt 8: Die Formgebung, der Grob- und Feinschliff ging derart rasch von der Hand, dass ich total verpasste, davon Bilder zu machen. Die Schalen haben an Dicke eingebüsst. Die Zwillingshälften wurden voneinander getrennt und so aufbewahrt, damit sie nicht krumm würden. Das überschüssige Papier wurde mittels Ziehklinge abgekratzt, das ging ganz leicht. Man kann schon die feine Maserung des Holzes erkennen.

Schritt 9: Ich habe mir in den Kopf gesetzt, dass etwas, das an das alte Messer erinnert, in das neue Messer integriert werden soll. Ich entschied mich, ein Stück der alten Acetatgriffschalen als Keil in das Messer einzubauen. Dieser Gedanke gefiel mir so gut, dass ich mich durch nichts davon abbringen liess – aber seht selber.

Schritt 10: Die Schalen sind fertig in Form gebracht und der Wedge ist keilförmig angeschliffen, das hat ordentlich Zeit benötigt und die Haut am Daumen wurde auch so dünn, dass der Daumen blutete. Das ist übrigens bereits der zweite Keil, den ich anfertigen musste. Lehrgeld muss jeder Anfänger bezahlen.

Schritt 11: Die Schalen wurden in Leinölfirnis eingelegt und abgewischt, wieder damit eingerieben und das überschüssige Firnis wieder abgewischt.

Schritt 11: Die Arbeitsschritte haben sich gelohnt. Die Maserung des Holzes scheint schön unter dem Firnis hervor. Leinölfirnis muss immer gut abgewischt werden, denn wenn zuviel auf dem Holz verbleibt, wird das Holz klebrig und wenn das Firnis getrocknet ist, kann es nur mit der Ziehklinge wieder entfernt werden.

Schritt 12: Es wurde zusätzlich ein Messingrohr mit 1,6 mm Innendurchmesser auf die Dicke der Messerklinge abgelängt, da die Klingenbohrung zu gross ist. Die Messinghülse dient dazu, dass der Niet sich in der viel zu grossen Klingenbohrung nicht verkrümmt (vgl. Schritt 3, linker Niet). Diese Verkrümmung des Niets führte bei den alten Schalen dazu, dass die Klinge nicht zentrisch zugeklappt werden konnte und mit dem Kopf am Keil streifte. Das wollte ich bei den neuen Schalen unbedingt vermeiden.

Schritt 13: Die Hülse passt recht gut und wird noch schön feingeschliffen, damit nichts hakt. Hier sieht man noch sehr gut den Schmutz von Jahrzehnten. Die Politurpasten sind bestellt und auf dem Weg.

Schritt 14: Hier der 3. neue Keil. Diesmal bleibt er so. Mein erklärtes Ziel war es, ein Stück der alten Griffschalen in das neue Messer zu integrieren. Ich denke, ich habe es fertiggebracht, in dem ich zwischen das Neusilber ein Stück der alten Griffschalen integrierte. Wie gut zu sehen ist, habe ich die drei Stücke miteinander vernietet (1,5mm Messingstab) und die Verbindung glatt geschliffen.

Schritt 15: Der Keil passt noch nicht genau auf die Schalen. Daher wird er mit den Schalen vernietet, damit ich ihn an die Form anpassen kann. Diese Schleifarbeiten habe ich mit der flexiblen Welle des Dremel und verschiedenen Schleifpapierkörnungen ausgeführt. Da es keine 800er Körnung gibt, habe ich mittels Teppichklebeband und feinem Schleifpapier selber eine Schleifrolle für den Dremel hergestellt.

Schritt 15: Hier sieht man gut, wie die Schalenhälften sich wegen des Keils spreizen. Das ist darum wichtig, damit die Schalen nach dem Vernieten eine gewisse Spannung aufweisen und zum Schluss nach dem vollständigen Vernieten mit der Klinge, diese nicht zu leichtgängig zuklappen kann – das wäre zu gefährlich. Zudem sieht es schön aus.

Schritt 16: Nach dem Abschliefen der Überstände und Anpassen an die Griffschalenform wartet der Keil auf die Politur, der auch die Klinge noch einmal unterzogen wird. Zwischenschritt 17: Der Niet wurde wieder entfernt und die Schalen erneut mit 800er Schleifpapier nachgeschliffen. Es hatte sich vom Neusilber dunkler Metallstaub auf den Schalen abgesetzt. Das sah nicht schön aus. Natürlich musste auch ein Teil des Firnis wieder entfernt und neu angebracht werden.

Schritt 18: Der Keil wurde poliert und zum erneuten Vernieten vorbereitet. Dazu wurden auf jeder Seite eine Unterlegscheibe aufgelegt. Der Stift aus Messing (1,6mm) wurde auf der einen Seite leicht angeklopft, damit er leicht hält. Auf der linken Seite sieht man gut den überstehenden Stift, der mit der Zange auf die notwendige Länge gekürzt wird. Die „notwendige Länge“ ist – so musste ich feststellen – Erfahrungssache.

Schritt 19: Die Klinge wurde hauptsächlich gereinigt. Poliert wurden Rücken, Erl, Fuhr, Daumenmulde, Schor und Angel. Der Erl wurde gesäubert und auf Glanz poliert.

Schritt 19: Ich stehe nicht auf ultrapolierte Rasiermesserklingen. Damit macht man mehr kaputt als dass man es richtig macht. Meiner bescheidenen Meinung nach gehören Pittings an einer alten Klinge dazu. Sie sind wie Falten in einem alten Gesicht. Sie zeugen von einem erfüllten Leben. Somit wurde die Klinge nur leicht überpoliert, gerade soviel, dass der Schmutz endgültig weg war.

Schritt 20: Das finale Vernieten der Klinge wird vorbereitet. Ich habe mich für einen 1,6mm Nietstift entschieden, der genau in die 2mm Hülse passte. Links und rechts der Klinge wurde eine Unterlegscheibe aufgelegt und ebenfalls aussen an den Schalen wurde eine Unterlegscheibe auf den Stift geschoben. Das Vernieten ist eine heikle Arbeit, die in einem Arbeitsschritt erledigt werden sollte. Daher keine Bilder davon. Schnell ist ein Schlag zuviel oder daneben und die Schalen reissen ein oder haben eine Delle. Vernietet wurde mit einem Kugelhammer und in Ermangelung eines Amboss auf einem 1 Kilogramm schweren Fausthammer.

Das Messer ist fertig und bereit für die erste Rasur.

Draufsicht auf die Serrierung auf der Erloberseite und die Angel.

Erl und Angel in der Seitenansicht mit der „couronne comtale au-dessous“edit: Die Nieten werde ich noch einmal entfernen und das Messer neu vernieten. Mir gefällt nicht, wie die Nietköpfe an den Rändern gerissen sind. Ich habe den Stift zu lang überstehen lassen. Nächstes Mal werde ich sie kürzer stehen lassen.

Ein schönes Messer ist es geworden.

Das war sie gleich nach der Fertigstellung, die erste Rasur mit auserlesenen Produkten. Die Klinge ist absolut scharf und rasiert sehr sanft und gründlich. Ein sehr schönes und gutes Messer, das es wirklich verdient hat, dass man es erhält und benutzt.

17 Kommentare zu “Rasiermesserschalen – Schritt für Schritt

  1. Lorenz sagt:

    Schade. Ich sehe keine Bilder. Aber toller Text, der mich sehr inspiriert.

  2. Nassrasierer sagt:

    Hallo Mike,

    sehr gelungener Artikel. Hat mir sehr weiter geholfen. Nun weiß ich endlich, wie man seine Rasiermesser lange erhalten kann.
    Dank dir.

  3. Bastler sagt:

    Hallo Mike,
    ich werde deine hervorragende Anleitung dazu benutzen, um selbst Griffschalen für ein Rasiermesser zu basteln – das wird eine spannende Unternehmung… so schön wie deine werden sie vermutlich nicht, aber einen Versuch ist’s wert!
    Woher man Nieten etc. bekommt, weiß ich ja dank deines Griffschalen-Austausch-Artikels schon, aber woher hast du denn den Metallkeil? Hast du ihn selbst zugeschnitten? Und kommt die „Aufspreizung“ nur dadurch, dass die Acetatschicht schräg geschliffen wurde, oder ist der Metallkeil ebenfalls angeschrägt?
    Und fallen dir spontan Limitierungen ein, welche Hölzer sich eignen?
    Vielen Dank schonmal im Voraus für deine Hilfe! 🙂

    • nassrasieren sagt:

      Hallo Bastler
      Also der Keil wird deshalb Keil genannt, weil er keilförmig angeschliffen wurde.
      Im vorliegenden Fall wurde das Acetat zugeschliffen. Das Metall (Neusilber) wurde nur marginal bearbeitet.
      Es gibt auch die Möglichkeit den Keil eben nicht keilförmig zuzurichten. Dabei muss drauf geachtet werden, dass er dünner ist, als die Messerklinge am Erl.

      Neusilber oder andere Buntmetalle eignen sich gut als Keil. Ich habe auch schon an alte Münzen gedacht. Metall kriegt man eigentlich relativ einfach.

      Beim Holz für die Griffschalen ist erlaubt, was gefällt.
      Vorsicht ist lediglich geboten bei Hölzern mit einem hohen Anteil an Gerbsäure, z.B. Eiche. Das kann in Verbindung mit Feuchtigkeit zu Flecken oder im schlimmsten Fall zu Rostnarben führen.
      Gruss
      Mike

      • Bastler sagt:

        Hallo Mike,

        Vielen Dank für deine ausführliche Antwort! So kann ich mich dann demnächst mal an mein erstes Projekt wagen. 🙂

        Und gut, dass ich dich gefragt habe – Eiche wäre mir nämlich tatsächlich als erstes eingefallen, weil ich davon noch ein schön gemasertes Stück habe… Gerade noch mal gut gegangen, denn Rostflecken wären nun wirklich nicht wünschenswert! Das mit den Gerbsäuren war wirklich ein sehr sinnvoller Hinweis! 🙂

        Vielen Dank nochmal und viele Grüße!

  4. nassrasieren sagt:

    Hallo Jo
    Es handelte sich um ein Heft aus Acetat. Wahrscheinlich würde ich es heute erhalten.

  5. Jo sagt:

    ich bin ja nicht der Holzwurm. Deswegen fand ich das Hornheft wesentlich schöner…..Aber jeder wie es ihm gefällt.

  6. Isar sagt:

    Ein gelungenes Stück Arbeit ohne Zweifel! Fühle mich fast ketzerisch nach was ganz anderem zu Fragen, nämlich: Mit welcher Kamera (bzw. Objektiv) sind die Fotos (vor allem die Close-ups) gemacht worden? Das Messer kommt wirklich so klar und pur rüber, wie es das verdient hat und eine Kamera, die das schafft (das Ding an sich widergeben!), suche ich schon lange.

    • nassrasieren sagt:

      Hallo Isar
      Danke für deine Worte. Kamera, ich darf es kaum sagen, aber die Bilder wurden mit einer kleinen Knipse, Olympus VG110, gemacht.

      Gute Beleuchtung und eine ruhige Hand sind Voraussetzung.
      Gruss Mike

  7. Christoph sagt:

    Toll gemacht und eine super Anleitung (für mich)!!!

  8. In_Je_Ner sagt:

    Super Arbeit, in einem neuen Kleid, hat das Messer hat sein zweites Leben bekommen!!! Tolle Bilder!!!

    • nassrasieren sagt:

      Ich danke dir für dein Lob. Ich hatte genau das im Sinn, was du ansprichst, dem Messer ein neues Leben einzuhauchen. Die Klinge ist es Wert. Es macht Spass sich damit zu rasieren, sie ist liebhaberscharf und dabei wirklich sanft.

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