Gedankenwelt einer analogen Rasur

Stellt euch vor ihr bereitet euch auf eure abendliche Rasur vor. Nein; keine von diesen „rasch, rasch“ oder „menno, jetzt muss ich noch“ Rasuren. Was ich meine ist viel mehr als das. Es geht um euch selber und nur um euch.

Wellness im ureigenen Sinn. Ihr beginnt damit, dass ihr euch auf einer geraden Fläche eures Waschtischs euer Setup zurecht legt.

Dazu nehmt ihr ein Rasurtuch und faltet es längsseitig zusammen. Es ist das Rasurtuch mit dem ihr euch am Vortag den Schaum aus dem Gesicht gewaschen habt vielleicht auch ein oder zwei Blutpunkte weil ihr eurem Vorhaben nicht die Aufmerksamkeit schenktet, die es verdient hatte. Und es ist deshalb das Rasurtuch vom Vortag weil ihr irgendwo in euch drin die Regung verspürtet, es zum Trocknen aufzuhängen statt es in den Wäschekorb zu legen. Weil ihr das schon immer so macht und mehr dafür spricht es so zu tun, als dagegen spricht. Wie auch immer.

Das Ganze spielt sich vor eurem Badezimmerspiegel ab. Auf das zusammengefaltete Tuch legt ihr eure Rasierschale, sie ist von warmem Rot, leicht ins Orange spielend und aus Bambus. Sie wiegt fast nichts. Schon bald wird sich in ihr die Konsistenz Schaum bilden, die ihr benötigt. Aber was als nächstes? Ihr öffnet den Spiegelschrank, hinter dem Spiegel hebt ihr eure Schätze aus Schweineborste, Pferde- oder Dachshaar auf. Welcher Rasierpinsel darf, nein muss es heute sein? Ihr geht in Gedanken die Qualitäten eurer Rasierseifen durch – oder soll es heute eine Rasiercreme sein? Eine Lanolizato aus Portugal, die Don aus Tschechien oder eine Gentleman Rasiercreme aus England, Penhaligon’s vielleicht? Opus 1870 oder doch lieber Blenheim Bouquet? Nein, heute muss es eine Rasierseife sein. Den Spiegelschrank aus eurem Blick verschwinden lassend dreht ihr euch im Bad um und wendet euch euren Rasierseifen in ihren wertvoll daherkommenden Holztiegeln zu. Die Seifen sind in Ebenholz gebettet, in Mahagoni oder in Rosenholz. Ihr denkt darüber nach, dass ihr gelesen habt, dass Rosenholz gar nicht von Rosenstöcken stammt, sondern von Dalbergia decipularis, einer Palisanderart – wo nur habt ihr das gelesen? Davon angetan greift ihr zur Sandalwood von Taylor of Old Bond Street in London. Sie steht zwischen der Rose von Geo. F. Trumper und der Cade von l’Occitane, die so sanft nach Wachholder duftet.

Ihr dreht euch wieder nach eurem Schrein um, der nun bereits die Unterlage, eine Rasierseife höchster Qualität und die Schale enthält. Nun doch wieder zurück zur Frage, welchen Rasierpinsel ihr zum Aufschlagen der von euch erwählten Rasierseife nehmen wollt. Euer Blick schweift vom einen zum anderen. Soll es ein Gesichtsschmeichler sein, der Silberspitz von Mühle, oder einer mit mehr Massageeffekt, vielleicht der Pure Badger der nach den Worten der Verkäuferin in London „a bit stiffy“ ist. Nein, die Taylor muss heute mit einem Taylor stilecht aufgeschlagen werden und ihr habt keine Lust auf Massage im Gesicht also greift ihr nach dem weichsten eurer Silberspitzen. Euch drängt sich der Gedanke auf, dass Rasierpinsel aus Pferdehaar viel leichter erhältlich sind als früher. Hat es damit zu tun, dass es auch mehr türkische Barbiere in unseren Städten gibt? Traditionell werden im Orient keine Dachshaare verwendet. Türkische Barbiere, die etwas auf sich halten verwenden Pferd oder Schwein. Moslems und Schwein – Nein. Die Türkei ist wiederum nicht ein rein muslimisch geprägter Staat. Komisch worüber man alles so nachdenkt!

In eure Rasierschale füllt ihr schon einmal heisses Wasser und legt euren Wunschkandidaten aus reinstem und auserlesenem Dachshaar hinein, damit er sich darauf vorbereiten kann, was gleich auf ihn zukommt. Ebenfalls giesst ihr aus dem Wasserhahn wenig heisses Wasser auf die Oberfläche der Rasierseife, damit sie einweichen kann. Währenddessen die Gedanken über Christen und Moslems und welches Haar sie verwenden in euch verhallen wählt ihr bereits euer Messer aus. Welches passt zum Bartwuchs von heute? Oder doch lieber einen Rasierhobel? Aber dann welche Klinge? Die superscharfe Feather aus Japan, die sanfte Derby aus der Türkei – oh, da ist er wieder, der Mittler zwischen Orient und Okzident, der Bosporus.

Nein, ihr wollt heute ein Messer zur Hand nehmen. Ein deutsches Messer aus der Hand des letzten „echten“ Messerschmieds alter Schule – das Wacker? Das Grissolange aus Thiers? Nein, das war erst letzthin dran. Dann das Englische Burgess, London, Pall Mall, 15 Opera Arcade, das alles ist in die Klinge eingeschlagen. Das Messer hatte Schalen aus Elfenbein. Nein, nicht aus Gründen des Artenschutzes habt ihr sie austauschen lassen, sondern weil sie beschädigt waren. Kein Wunder nach 60 Jahren. Ja, das Burgess soll es sein. Während ihr noch darüber sinniert, wie schön und warm sich das Holz der Schalen anfühlt, geölt und mit Firnis behandelt, legt ihr es auf den dafür vorgesehenen Halter aus mattem Edelstahl, den ein Kollege für euch gemacht hat.
So liegt das Burgess sicher und kann nicht hinunterfallen.

Während ihr den Lederriemen an den dafür vorgesehenen Haken an der Wand hängt, um das Messer zu ledern, denkt ihr bereits darüber nach, wie ihr die Rasur abschliessen wollt. Mit einem schweifenden Blick über eure Rasierwässerchen und deren dazugehörenden Colognes versucht ihr euch selber darüber hinweg zu täuschen, dass der Entschluss sich bereits manifestiert hat, lange bevor er in euer Bewusstsein gelangte. Sandalwood, wie hätte es anders sein können. Natürlich von Taylor, an der Jermyn Street 74, Mayfair, London.

Jetzt nur an nichts anderes denken, während eure Linke den Riemen auf Spannung bringt und eure Rechte die Klinge, das Herz eures Rasiermessers, mit sanftem Druck über das Leder zieht. Konzentriert euch, nicht nachlassen, die Klinge immer über den Rücken wenden, wenn ihr aus einem Lederriemen nicht zwei kurze machen möchtet. Oder noch schlimmer, das Messer ruinieren würdet. Nach zwanzig Zügen in jeder Richtung und einer gefühlten Ewigkeit ist das Messer bereit. Ihr streift es über die offene Handfläche rasch auf jeder Seite ab und faltet es zusammen. Nun liegt sie da, eine der schärfsten Klingen der Welt, eingebettet in zwei neue Schalen aus heimischem Nussbaum, dunkel und sicher verwahrt. Während ihr diesem Gedanken noch ein wenig Raum lasst legen eure Hände das Messer wieder an seinen Platz und weichen ein zweites, unbenutztes Rasurtuch in heissem Wasser ein. Kurz bevor ihr es nicht mehr anfassen könnt, wringt ihr das überschüssige Wasser aus und legt euch das Tuch auf das Gesicht, während ihr euch auf den Rand der Badwanne setzt. Der Hauptteil der Vorbereitungen ist geschehen. Kaum dass euch die Hitze des heissen Tuchs ins Gesicht gebissen hat, breitet sich auch schon eine wohltuende und beruhigende Wärme in euch aus. Nun wisst ihr was ich mit „Wellness im ureigenen Sinn“ meinte.

Der Rasierpinsel dreht sich auf der Rasierseife, nachdem ihr ihn aus seinem Bad genommen und aus dem Handgelenk leicht über der Badewanne ausgeschüttelt und ebenfalls nachdem ihr das Wasser von der Oberfläche der Rasierseife entfernt habt. Ungefähr 15 Mal rechts herum und 10 Mal links herum, das sollte die Dachshaare soweit aufgeladen haben, dass ein dreimaliges Einseifen möglich sein wird. Nun schlagt ihr die Rasierseife in der Rasierschale auf. Mit kreisenden Bewegungen, abwechslungsweise mit leichtem Schlagen des Pinsels gegen die Innenwand der Schale. Ihr befindet den Schaum noch als zu trocken, also tropft ihr mit den Fingern unter zwei oder drei Malen Wasser nach, bis ihr zufrieden seid.

So anders ist dieses Ritual. Ihr müsst sofort an früher denken – bei mir liegt das etwa 4 Monate zurück, als ich dem schnöden Dosenschaum und den stillosen Gilette-Kunststoff Rasiergeräten abschwor. Wisst ihr – die verscheissern uns! Habt ihr euch nicht auch schon gefragt, ob es denn sein kann, dass 5 Wegwerfrasierklingen 50.– kosten? Es ist doch genau wie bei Epson oder HP. Die schenken dir einen Drucker samt Farbpatronen für einen Appel und n Ei und wenn es dann darum geht, Druckerpatronen oder eben Klingen und Dosenschaum nachzukaufen…

Woraus sind diese Wechselrasierklingen gemacht? Aus seltenen Erden oder ausserirdischen Metallen?
Sind euch auch schon die gut bewachten Valorentranporter aufgefallen, die vor den Kaufhäusern der Welt parken. Ein bewaffneter Mann hinter dem Lenkrad, einer auf dem Nebensitz. Einer trägt einen Koffer, der wiederum mit einer Kette an seinem rechten Handgelenk befestigt ist. Er wird von zwei bewaffneten, vierschrötigen Söldnern der Sicherheit begleitet? Sind sie euch aufgefallen? Die holen kein Geld ab, die liefern die Rasierklingen!
Nunja, glücklicherweise könnt ihr für euch in Anspruch nehmen, dass ihr „geheilt“ seid. Dieser Gedanke befriedigt euch während ihr euer Gesicht einseift. Schöner schlotziger Schaum ist aus eurer Hand entstanden. Nur noch zwei drei Minütchen einwirken lassen und dann los.

Das Messer, das nun in eurer rechten Hand liegt, ist 6/8″ breit, vollhohl geschliffen und dementsprechend scharf.

Es wurde nur für einen Zweck vor über 60 Jahren von einem Handwerker, einem der letzten seines Standes, gefertigt. Es taugt weder zum Kartoffelschälen noch zum Brot schneiden. Nein, es wurde für die Rasur von Barthaaren in etwa 70 verschiedenen Arbeitsschritten erschaffen. Es ist das Samuraischwert des einfachen Mannes!

Gedanklich räuspert ihr euch noch einmal und spuckt in die Hände. Kann es sein, dass euer Hypothalamus ein paar Tropfen Angstschweiss auf eurer Stirn entstehen liess?

Sachte ist die Bewegung eurer rechten Hand als sie die Klinge in einem optimalen Winkel von ca. 30° an eure Wange führt. Von oben nach unten in leichten Zügen führt ihr den Stahl übers Gesicht. Ihr fühlt die Schärfe, ihr spürt wie eine Bartstoppel um die andere fällt. Wie Krieger in einer aussichtslosen Schlacht gegen einen übermächtigen und unbezwingbaren Gegner. Im Gegensatz zu den ersten Malen zittert eure Hand nun nicht mehr. Ihr habt Respekt aber auch Vertrauen. Wenn die erste Rasur mit dem Bartstrich getan ist, legt ihr erneut Schaum auf. Nun haltet ihr die Klinge zwischen Daumen und Zeigefinger, um in Richtung gegen den Bartstrich vorzugehen. Der Halt der Klinge ist nun fester. Der Gegner – die Barthaare – können sie euch weniger rasch irgendwohin leiten, wo ihr es nicht möchtet und wo sie, so unwillkürlich geführt, Schaden anrichten könnte. Durch den festeren Halt spürt ihr das Kratzen und den Klang des Messerstahls deutlicher. Die Rasur gegen den Strich ist voller Rückmeldungen vom Klingengrat über die Klinge zu den Nervenbahnen eurer Finger direkt in euer Hirn. Diese Rückmeldungen zeigen euch an, dass die Arbeit gut wird. Mit der freien Hand spannt ihr jeweils die Gesichtshaut, damit die Klinge euch nicht beisst. Den Schaum mit den Bartresten, der an der Klinge haftet streift ihr mit dem Finger vorsichtig ab, den Finger streift ihr am Rasurtuch ab. Ohne Schaum rasieren, das wisst ihr, werdet ihr bereuen. Aus dieser Erfahrung heraus schäumt ihr euer Gesicht noch ein letztes Mal ein. Dieses Mal drückt ihr sanft den Schaum aus eurem Rasierpinsel. Es ist das Gold, die Essenz allen Schaums. Damit eingeschäumt lasst ihr die Klinge quer zum Strich noch die letzten Stoppeln wegschneiden. Erinnert ihr euch? Ein Barthaar ist zäher als ein Kupferdraht gleicher Dicke.

Ihr wascht das Rasurtuch, das über dem Wasserhahn hängend als Abstreifer für Schaum und Barthaare herhalten musste, aus. Wenn das Tuch sauber ist, spült ihr es mit sehr kaltem Wasser, wringt es aus und legt euch diese kalte Kompresse auf euer Gesicht. Während ihr in Gedanken das Messer, seinen Hersteller, eure Seife und den Entschluss, sie zu kaufen, sowie den Rasierpinsel und den Dachs aus dem er gemacht wurde preist, wascht ihr euch das Gesicht kalt ab. Ihr schaut in den Spiegel und – ist es Narziss, der euch da aus dem Spiegel anschaut? – ihr seht, dass die Arbeit gut ist und die Konzentration sich gelohnt hat. Ihr befühlt mit dem Handrücken eure Gesichtshaut und fühlt, dass die Arbeit gut ist. Wie war das früher mit Rasurbrand, mit Dosenschaum und stillosen Plastikvierfachklingen. Nie habt ihr euch so gut und so glatt rasiert gefühlt wie jetzt gerade. Wie konntet ihr über 30 Jahre lang negieren, was bereits unsere Vorväter wussten. Es gibt keine gründlichere Rasur als mit dem Messer. Sagt es noch einmal – es ist euer Mantra. Es gibt keine gründlichere Rasur als mit dem Messer und ihr wisst, dass die Arbeit gut ist.

Ich bekenne, dass der Dosenschaum und das Plastikmesserchen rascher weggeräumt sind als all die Utensilien. Dass eine Plastikklinge für das Beste im Mann nicht gross gepflegt werden muss, ganz im Gegensatz zum Rasiermesser, dass abgespült, gut getrocknet und eingeölt werden will und das alles, ohne den Grat zu verletzen.

Ihr seid noch da? Glatt rasiert seht ihr aus, bravo! Und gut duften tut ihr und das auch noch nach einem meiner Lieblingsparfüms. Ihr habt definitiv Stil. Schön, dass ich euch bis hierher fesseln konnte.

8 Kommentare zu “Gedankenwelt einer analogen Rasur

  1. Moin aus Hamburg!
    Diese Webseite hat sowas Faszinierendes, dass mir das Wasser im Mund zusammenläuft. Mir soviel Enthusiasmus geschrieben, dass sie sich liest wie ein spannendes Buch.
    Als Kind habe ich meinen Vater vergöttert, wenn er das Rasierritual einläutete. Ich selbst habe erst mit Ende 50 sein vererbtes RM wieder gangbar gemacht und dasselbe Ritual angefangen wie er, weil ich auch die schwerbewaffneten Securityleute gesehen habe, die die Rasierklingen zu Karstadt reintragen (tolle Geschichte).
    Ich wünsche dem Verfasser und allen anderen Lesern verletzungsfreie, stilvolle Wellnesrasuren.
    Jürgen

  2. René sagt:

    Meine Herren.. ich bin seit ca. 2 Wochen unter die Rasierer mit dem Messer gegange und tatsächlich infiziert. Sicher bedarf es noch einiger Übung bis die Ergebnisse die sind die ich mir vorstelle, aber sicher ist es auch das was es aus macht:

    Geduld üben und die gewonnen Zeit sinnvol nutzen. Was tun mit der gewonnen Zeit von 5 Minunten mit einem Mach 3,5, 7 oder wo wir mittlerweile sind gegenüber der Rasur mit dem Messer?
    Im Anschluss eine der tollen Sendunden auf unseren Privatsender schauen…. (Was zum Nachdenken)

    Danke für den tollen Artikel und die Seite. Schön zu lesen, wenn jemand begeistert von einer Sache ist. Bin infiziert!

  3. Daniel sagt:

    Wenn Rasieren zum Ritual wird! Ich selbst habe mir bereits vor einigen Jahren zum ersten Mal einen Merkur Rasierhobel gegönnt samt aller nötigen Ausrüstung, wie Porzellanschälchen und Rasierseife. Mein Altar hat sein eigenes Plätzchen im Bad und wird gehegt und gepflegt, auf dass es mir durch die Rasur selbiges erfahren lässt. Ich freue mich sehr zu lesen, wie auch Du deine dir wohlwollende Seite so auslebst und darüber berichtest. Allein durch das Lesen konditioniert man seine Gedanken und Gefühle auf eine Weise, die einen jeden sich wieder selbst bewusst werden lässt.

  4. Peter Weinmann sagt:

    Fantastisch geschrieben. Danke schön!

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