Spanish Leather von Geo.F. Trumper, Curzon Street, London

Ich möchte euch heute einen Duft vorstellen, ohne den ich mir die klassische Nassrasur nicht mehr vorstellen möchte.

Die Emanzipation vom Mainstream – oder – was mich emotional an diesen Duft bindet.

Ich habe an Spanish Leather erstmals im November 2011, als mich mein Weg auf der Suche nach der perfekten Rasur immer wieder einmal an die Kramgasse 25 zum Verkäufer edlen Rasurzubehörs meines Vertrauens führte, geschnuppert. Man darf sich den Laden, der sich gegenüber des Münsters hinter einem modern daherkommenden Optikergeschäft befindet, so vorstellen wie Geo. F. Trumper an der Curzon Street oder Taylors an der Jermyn Street in London. Dunkle Eiche dominiert den Raum, und obwohl er klein ist wird er dadurch nicht erschlagen. Da stehen die Düfte Geo. F. Trumpers zwischen den Düften Taylors of Old Bond Street und Castle Forbes. Dort stehen edle Rasierpinsel in einer Vitrine und hier liegen handwerklich perfekte Rasiermesser unter Glas, alles wohlfeil, alles mit Herzblut.

Ich befand mich also in diesem Ambiente und schnupperte an diesem Duft – Paff!! Wo bin ich hier?
In meinem Kopf erscheinen Bilder von Arthur Conan Doyle, Sherlock Holmes, Baker Street. Von dunklem Bier und Märkten, verruchten Pubs in Soho. All diese Assoziationen auf einmal knallen in mein Innerstes hinein, berühren meine Seele. Das dreckige des Patchouli lässt erahnen, wie die Strassen Londons Ende des vorletzten, zu Anfang des letzten Jahrhunderts gerochen haben müssen. Moschus und Rose gehen wieder diese unglaubliche Verbindung miteinander ein, die ich bereits von Geo.F. Trumpers Wellington her kenne und liebe. Der Duft wirft mich aus der Bahn, ich muss mich in den mit braunem Leder edel bezogenen Stuhl setzen, der mitten im Raum steht.

nassrasieren

Ich brauche eine kurze Zeit der Erholung und luge hastig in meine Geldbörse. Glücklicherweise, denke ich, habe ich mit Bargeld unausgerüstet diesen Laden betreten. Wer weiss, wie das geendet hätte. Nein, diesen Duft musst du sich entwickeln lassen, dachte ich. Ich habe ihn also auf meine Haut gesprüht und bin davonflaniert. Den ganzen Weg zu Fuss von der Berner Altstadt bis zum Bahnhof. Ständig an meinen Handgelenken schnüffelnd. Ich muss auf Passanten gewirkt haben wie ein Süchtiger, wenn es überbaupt jemand wahrgenommen haben sollte, was ich für eher unwahrscheinlich halte.

Je mehr Weg ich zurücklegte, desto wärmer wurde dieser Duft, bis wirklich dieser an Leder erinnernde Geruch sich zeigte. Hintergründig aber deutlich wahrzunehmen, war da dieser Geruch aus meiner Kindheit, den ich so gerne hatte. Genau in diesem Moment als ich diesen Duft wahrnahm – Paff! zum Zweiten. Innerhalb einer halben Stunde zweimal emotional entmachtet – meine Güte! Ich hätte die Welt umarmen können in diesem Moment.

Ich danke wem auch immer, dass ich keinen Grossvater hatte, dem ich diese Essenz des Duftes an den Körper erinnern müsste.
Nein, ich habe einen Grossvater gehabt, in dessen Sattlerei ich diesen wunderbaren Duft beheimaten kann. Wenn ich Spanish Leather trage, schwebe ich an der Decke der kleinen Sattlerei im Grenzland des Berner Oberlandes und des Emmentals. Sehe dabei meinem Grossvater zu, wie er das Leder zu kunstvollen Geschirren für Pferde oder Glockenriemen für Kühe verarbeitet. Er war einer der letzten seines Standes. Er hatte sich zeitlebens keinen Duft geleistet ausser den nach Leder, Schweiss und Arbeit – und – seinem Pfeifentabak. Als 1899 in ärmsten Verhältnissen als Sohn eines Korbmachers geborenem Handwerker wäre ihm ein anderer Duft auch nicht zugestanden. Ich mochte ihn, obwohl eher wortkarg, sehr.

Dieser Duft ist für mich definitiv eine Komposition, die es verdient hat sie zu tragen, mit Stolz und Würde, den Kopf aufrecht, den Rücken gerade – genau wie Watson ihn an der Seite von Sherlock Holmes getragen haben muss. Dazu eine stilvolle Kopfbedeckung.

Nein, noch bin ich kein Grossvater und dieser Duft trägt sicherlich nicht dazu bei, einer zu werden. Dazu müssen andere beitragen. Aber dieser Duft hat meine Emanzipation vom Mainstream eingeleitet.

Ja; ich habe mir diesen Duft gekauft und zwar bei Geo. F. Trumper an der Curzon Street in London. Ich habe ihn einem wahren Gentleman abgekauft, der mit geradem Rücken und aufrechter Körperhaltung hinter seinem Ladentisch stand.

Spanish Leather hebt sich würdevoll von den all zu vielen Modedüften in unseren Städten ab. Bravo.

Schön, dass ihr bis hierher mitgelesen habt.